Aktuelle Lage: Erzeugerpreise für Speisekartoffeln in Niedersachsen (April 2026) bei 7 € / 100 kg — ein sehr starker Rückgang gegenüber dem Vorjahr.
Wenn die Ernte zum Problem wird:
Kartoffelüberschuss, Preissturz, leere Kassen — Ursachen der Krise und Wege heraus für betroffene Landwirte
Volle Lager, leere Kassen: Kartoffelbauern in Deutschland und ganz Nordwesteuropa stecken in einer der schwersten Marktkrisen seit Jahren. Erzeugerpreise, die unter die Produktionskosten gefallen sind — mancherorts sogar in den negativen Bereich. Was steckt dahinter, und was können Landwirte jetzt tun?
75%
Preisrückgang Erzeugerpreis Speisekartoffeln (2023/24 → Apr. 2026, Niedersachsen)
3 Mio. t
Überschuss in den EU-4-Ländern (D, NL, B, F) zur Ernte im Jahr 2025
-2 €
Preis pro 100 kg Futterkartoffeln in den Niederlanden — Landwirte zahlen für Entsorgung
Wie es zur Krise kam:
Die Wurzeln der aktuellen Lage liegen einige Jahre zurück. Nach den trockenen, ertragsschwachen Jahren 2018 bis 2020 und einer Phase attraktiver Erzeuger- und Vertragspreise reagierten Landwirte europaweit mit einer erheblichen Anbauausweitung. Was vernünftig klang, wurde zur Falle.
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Massive Flächenausweitung
In den vier wichtigsten EU-Anbauländern — Deutschland, Frankreich, Niederlande und Belgien — wuchs die Anbaufläche für Konsumkartoffeln von 522.000 ha (2023) auf rund 608.000 ha zur Ernte 2025. In Niedersachsen allein stieg die Kartoffelfläche in fünf Jahren um 14 Prozent.
Aufgrund der geringen Erträge von Feldfrüchten in den vorangegangenen zwei bis drei Jahren entschieden sich viele Landwirte für die Kartoffelproduktion. Einige von ihnen starten sogar ohne jegliche Vorkenntnisse in der Kartoffelproduktion und ohne Absprachen mit Abnehmern.
02
Idealwetter = Rekordernte
Das Wetter im Anbaujahr 2025 spielte den Erzeugern in die Hände — und paradoxerweise genau das wurde zum Problem. Günstige Wachstumsbedingungen führten zu Spitzenerträgen von 455 dt/ha in Deutschland. Das Ergebnis: Die Erzeugung in den EU-4 stieg um 18 % auf 27,2 Millionen Tonnen.
03
Schwächelnde Nachfrage
Gleichzeitig stockt der Absatz. Der Pommes-frites- und Chips-Markt schwächelt. Die Aufwertung des Euro verschlechtert die Wettbewerbsfähigkeit im Export. Zölle und geopolitische Unsicherheiten verunsichern zusätzlich die Marktakteure im Außenhandel.
Vor drei Jahren wurden Pommes-Kartoffeln beispielsweise noch von Ländern wie China importiert. Nun haben sie die Produktion und den Kartoffelanbau selbst hochgefahren und sind somit zu Exporteuren geworden, was sie zu Konkurrenten auf dem Weltmarkt macht.
04
Kollaps der Preissicherung
Die European Energy Exchange (EEX) hat den Handel mit Kartoffel-Futures eingestellt — ein weiterer Rückschlag für Landwirte, die sich über Terminmärkte gegen Preisrisiken absichern wollten. Planungssicherheit wird damit noch schwerer zu erreichen.
Die Erzeugerpreise für Kartoffeln sind um 60 Prozent gefallen — im Lebensmitteleinzelhandel jedoch nur um 15 Prozent. Für viele Landwirte lohnt es sich bei diesen Preisen nicht einmal mehr, die Kartoffeln vom Feld zu holen.
— Agrarheute, November 2025
Das Ergebnis ist eine Kartoffelschwemme, die den gesamten Markt erfasst hat: Speise-, Industrie- und teils auch Pflanzkartoffeln sind betroffen. Viele Landwirte verfüttern ihre Ernte oder leiten sie in Biogasanlagen um — schlicht weil der Verkaufserlös die Ernte- und Lagerkosten nicht mehr deckt.
Was Landwirte jetzt tun können
Die Krise ist real — aber nicht hoffnungslos. Wer jetzt strategisch handelt, kann den Schaden begrenzen und seinen Betrieb langfristig wettbewerbsfähiger aufstellen. Hier sind die wichtigsten Ansatzpunkte:
Erzeugergemeinschaften nutzen
Gemeinsam verhandeln, gemeinsam vermarkten: Erzeugergemeinschaften stärken die Marktposition gegenüber dem Handel erheblich.
Anbaufläche ganz gezielt reduzieren
Marktexperten empfehlen für 2026 eine Flächenreduktion von mindestens 15 Prozent in Nordwesteuropa, um Angebot und Nachfrage wieder in Einklang zu bringen. Wer jetzt Flächen auf andere Kulturen umstellt, kann zur Markterholung beitragen und gleichzeitig das eigene Risiko streuen.
Mehr Vertragsanbau, weniger freie Ware
Freie Industriekartoffeln sind der am härtesten getroffene Bereich. Wer auf feste Verträge mit Verarbeitern setzt — auch zu niedrigeren, aber kalkulierbaren Preisen — gewinnt Planungssicherheit. Bei Stärkesorten sind Modellverträge bereits etabliert und deutlich stabiler.
Fruchtfolge diversifizieren
Weniger Abhängigkeit von einer Kultur schützt vor zyklischen Markteinbrüchen. Eine breitere Fruchtfolge verbessert zudem die Bodengesundheit und kann Förderansprüche nach der neuen GAP-Regelung sichern. Welche Kulturen sinnvoll sind, hängt vom Standort und den verfügbaren Absatzwegen ab — hier lohnt Beratung.
Das Fazit für Ihren Betrieb
Die aktuelle Kartoffelkrise ist kein lokales Phänomen und kein kurzes Tief — sie ist die Folge eines europaweiten Überangebots, das sich über mehrere Jahre aufgebaut hat. Die Preise werden sich nicht von selbst und schnell erholen.
Was hilft: klare Entscheidungen, Flächenanpassung, Sortenwechsel oder Vertragssicherung — der richtige Weg ist individuell. Eines gilt für alle: Abwarten kostet in dieser Situation am meisten.

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